Ein Paradies für Mensch, Pflanzen und Tiere

Hochrhein Anzeiger, 9. Januar 2019

Beim Baltersweiler Sonnenberg sieht man von der Landstraße L 163 ein paar Steinpyramiden, die allerdings nicht vermuten lassen, was dahinter steckt. Alois Werne erklärte dort den Besuchern vom Aha-Erlebnis, als er zum ersten Mal mit Chiara, dem Hund seiner Freundin, durch die Streuobstwiesen zum Baltersweiler "Käpelle" Gassi ging. "Mir wurde dabei bewusst, wie schön doch unsere Natur ist, aber auch wie sie immer mehr zerstört wird", sagte Alois Werne, der bis dahin in der Freizeit alte Möbel restaurierte und auf seiner Harley durch die Gegend kurvte. Seither sind acht Jahre vergangen und der Lüftungstechniker, der inzwischen in der Schweiz lebt und arbeitet, hat bei seinem Elternhaus am Baltersweiler Sonnenberg einen über 3000 Quadratmeter großen Naturgarten angelegt. Seit dem letzten Jahr bietet er öffentliche Führungen an, Gruppenführungen sind nach Absprache ebenfalls möglich. Alois Werne führt die Besucher kostenlos über das Gelände, weil er die Leute überzeugen will, ihre Gärten ähnlich zu gestalten. Er wäre schon zufrieden, wenn jeder einen Quadratmeter Naturgarten anlegen würde. Durch die Monokulturen, den Wegfall von alten Bäumen und das Ausräumen der Landschaft fehlt den Tieren wichtiger Lebensraum. Für Werne ist es immer wider eine Freude, wenn er am 25 Quadratmeter großen und eineinhalb Meter tiefen Teich steht, wo sich Frösche, Molche, Lurche, Libellen, Schmetterlinge und allerhand Insekten tummeln. Innerhalb drei Jahren ist der Teich mit rund 30 verschiedenen Pflanzenarten zugewachsen und reinigt sich dadurch selbst. Fische wurden bewusst keine eingesetzt, da sie zu viele Insekten fressen würden. Werne betont, dass Insekten das erste Glied der Lebensmittelkette sind und insbesondere für Fledermäuse und Vögeln wichtige Nahrungsgrundlagen sind. Durch den Einsatz von Spritzmittel reduzierte sich der Insektenbestand bis zu 80 Prozent. Für die Wildbienen hat der 43- Jährige mit rund 100 Tonnen Abbruchsteine acht Steingärten angelegt und mit über 150 verschiedenen Wildblumen bepflanzt. Zudem wachsen in 30 alten Schweinetrögen weitere Wildblumen. Der Bauerngarten seiner Mutter Rosmarie ist ein weiterer Teil des großen Naturgartens. Nach alter Tradition pflanzt die rüstige Seniorin dort neben Nahrungsmittel auch Wildblumen und Kräuter für die Hausapotheke an. Da es insbesondere den Vögel zunehmend an Brutmöglichkeiten fehlt, hat Alois Werne auch noch 40 Nistkästen mit unterschiedlich großen Einfluglöcher gebaut und auf dem Gelände verteilt. Speziell sind die aus Holzbeton gefertigten Nistkugeln für den Zaunkönig, die Reihenhauskästen für den Spatz und der Nistkasten mit Seiteneingang für den Baumläufer. Weitere Nistmöglichkeiten gibt es im Totholz, das Werne bewusst stehen und liegen lässt. Zudem hat Werne weitere Nisthilfen gebaut, beispielsweise Wildbienen-Hotels, Hornissen-Nistkästen und eine Wieselburge für Hermelin und Mauswiesel. Manche der Bauten sind jedoch noch nicht bezogen. Alois Werne hofft, dass irgendwann einmal eine Hummelkönigin in einen speziellen Nistkasten einziehen wird. "Die Hummel ist das einzige Insekt, das Tomaten bestäuben kann", betonte er. Auch vom Igel wurde die Überwinterungshilfe nicht angenommen. Der Igel findet eben genügend Reisig- und Laubhaufen, in denen er einen gemütlichen Winterschlaf halten kann. Ganz wichtig sind für Alois Werne die Streuobstwiesen. Zum alten Bestand von 30 Hochstammbäumen hat er zehn neue Bäume gepflanzt. Obwohl er keine Zeit hat, das Obst selbst zu ernten und es gerne verschenken würde, wird er im nächsten Jahr die angrenzende Wiese seines Bruders pachten und 30 weitere Streuobstbäumen pflanzen. Der Naturgarten ist für den Junggesellen der perfekte Ausgleich für den Alltag, wofür er praktisch die gesamte Freizeit opfert. Seine einzigen Helfer sind ein schweizer Bergbauern-Einachser, ein 50 Jähriger 22 PS -Traktor und ein Balken - Motormäher, der auch schon über 20 Jahren alt ist. Mehr Infos gibt es unter www.naturgarten-zum-sonnenberg.de.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Baltersweiler  Sonnenberg gibt es einen großen Naturgarten, den Alois Werne in den letzten acht Jahren bei seinem Elternhaus angelegt hat.

Benny fand seine Traumfrau bei "Bauer sucht Frau"

Hochrhein Anzeiger, 10. Januar 2018

In der RTL Kuppelshow "Bauer sucht Frau" hat Bernhard Morath aus Bergöschingen die Frau für´s Leben gefunden. Am ersten Weihnachtstag ist er mit dem Flieger nach Hannover geflogen und hat seine Nadine mit Sack und Pack auf seinen Hof an den Hochrhein geholt. In diesem Jahr sollen noch die Hochzeitsglocken läuten. "Benny Du brauchst eine Frau", an diese Worte eines befreundeten Paares kann sich der 42- jährige Junggeselle noch gut erinnern. Benny hatte nichts dagegen, dass sie ihn vor einem Jahr für die bekannte RTL Kuppelshow "Bauer sucht Frau" anmelden wollten, da der Baumaschinenmechaniker mit den drei Katzen und 20 Hühnern eigentlich gar kein richtiger Bauer ist. und für die Fernsehsendung wohl auch nicht in Frage käme. Obwohl der 15 Hektar große Nebenerwerbsbetrieb mit den 20 Rindviechern mittlerweile aufgegeben wurde und lediglich noch ein paar Streuobstwiesen und etwas Wald bewirtschaftet werden, schickte RTL eine Produktionsfirma auf den Hof, um einen Bewerbungsfilm zu drehen. Als an Pfingsten 16 solcher Trailer ausgestrahlt wurden, sah Nadine (42) aus Celle eher zufällig "Bauer sucht Frau". "Zuerst ist mir der alte Eicher "Tiger" Schlepper aufgefallen, dann Benny und dann fand ich auch noch seine Geschichte interessant", erinnert sich Nadine. Vor 13 Jahren hatte Benny einen Unfall mit seinem Quad und sein Leben stand auf Messers Schneide. Doch er kämpfte und fand auf einem langen Weg zurück ins Leben. "Auch ich habe gekämpft, für jedes Kilo das ich abgenommen habe", betonte Nadine. Da sie sich schon in ihrer Kindheit als nicht akzeptiert und wertlos vorkam, hatte sie letztendlich 165 Kilo angefressen, bevor sie nach insgesamt neun teilweise verhunzten Magen-Darm Operationen wieder 87 Kilogramm abgenommen hatte. Obwohl sich Nadine mitten in der Scheidung einer unglücklichen fünfjährigen kinderlosen Ehe befand, bewarb sie sich spontan bei "Bauer sucht Frau". RTL lud sie gleich zum Casting nach Berlin ein, und befand, dass sie kameratauglich ist. Benny hat indessen von der Produktionsfirma noch Bewerbungen von zwei weiteren Frauen bekommen. "Wie viel mir tatsächlich geschrieben haben, habe ich nie erfahren", bemerkte Benny. Auf dem Scheunenfest auf dem Rittergut Remeringhausen sahen sich Benny und Nadine zum ersten Mal und bei Beiden hatte sofort der Blitz eingeschlagen. Benny wollte die beiden anderen Bewerberinnen gar nicht mehr kennen lernen. Vom Scheunenfest kam Nadine dann direkt zehn Tage zu Benny auf den Hof. Für die Hofwoche hatte der Hobbybauer seinen Landwirtschaftsbetrieb noch etwas angepasst. Ein Freund hat ihm einen Eicher "König-Tiger" in die Scheune gestellt und Peter von Roth kam mit fünf Schafen aus Lauchringen angefahren, die neben dem Hof mühsam eingezäunt wurden. Als Benny seine Nadine mit dem Traktor am Bahnhof Erzingen abholte, waren bereits Kameramann, Tontechnikerin, Réalisateurin und Assistent von RTL zum Filmen dabei. Nadine fuhr Trecker, mähte mit der Motorsense den Hang ab und kochte mit gisela, der zukünftigen Schwiegermutter. RTL hatte allerdings kein allzu großes Interesse am Hofleben und hat bis auf den Hühnerstall nicht viel vom Hof gezeigt und die Romanze in den Fokus gestellt. "Die ganze Arbeit war für die Katz", wetterte Benny, der mit seiner Nadine jedoch trotz laufenden Kameras sehr viel Spaß hatte. Beim zweiten Scheunenfest auf dem Schloss Diedersdorf bei Berlin wurden dann Freundschaftsringe ausgetauscht und für die Weihnachtssendung hat Benny in seiner Scheune Nadine einen Hochzeitsantrag gestellt. Nadine hat unter echten Freudentränen Ja gesagt. Nadine findet es schade, dass es immer noch Leute gibt, die diese Sendung nicht anschauen, weil sie denken, dass alles nach Drehbuch abläuft. "Das ist absolut nicht wahr, die Teilnehmer werden so gezeigt, wie sie im wirklichen Leben auch sind", betonte Nadine. Ihr Familien- und Freundeskreis hätte nie gedacht, dass sie einmal von ihnen wegziehen wird. Die eingefleischte Niedersächsin wurde gewarnt, dass er sehr schwer werden wird, bei den als verschlossen geltenden Südschwarzwälder Fuß zu fassen. Nadine findet die Leute am Hochrhein jedoch sehr offen und herzlich. "Mir wurde es von Anfang an so brutal einfach gemacht", betonte die sympathische Flachländerin. Bennys Schwester Doris findet es trotzdem sehr mutig, dass Nadine alles aufgegeben hat und nach so kurzer Zeit an den Hochrhein gezogen ist. Nadine ist eigentlich seit jeher auf Sicherheit bedacht, sie weiß aber auch, dass man gewisse Entscheidungen aus dem Bauch heraus fällen muss. "Wenn es in die Binsen geht, holen mich meine Freunde zurück", bemerkte Nadine. Durch ihre besonderen Geschichten und Schicksale haben Benny und Nadine eine besondere Verbundenheit und eine andere Wertschätzung an das Leben. "Ich habe das erste Mal erlebt, dass ich geliebt werde", bemerkte Nadine, die keinen Hunger mehr nach Liebe verspürt. Sie hat bereits auch erfahren, dass auf dem Land andere Wertvorstellungen gelten als in der schnelllebigen Stadt. Durch die ständige Medienpräsenz hat sich das Leben für Benny und Nadine verändert. Sie werden regelmäßig beim Einkaufen angesprochen, mussten sich auf dem Weihnachtsmarkt ablichten lassen, wurden vom Landfrauenverein besucht und hatten bei einem Möbelhaus den ersten PR Auftritt. Nadine hat in den sozialen Medien über 1000 Freundschaftanfragen und gefühlte 300 Briefe bekommen. "Die Leute wollen an meiner Lebensgeschichte teilhaben und lachen und weinen mit mir", bemerkt Nadine. Sie wird am 1. Februar in Herdern eine Halbtagsstelle als Kindergärtnerin antreten und in diesem Jahr soll noch geheiratet werden. "Von der standesamtlichen Trauung wird niemand etwas erfahren, das wird unser Tag, den wir alleine mit der Familie feiern" ist sich das Paar einig. Bei der kirchliche Hochzeit werden dann wieder die laufenden Kameras dabei sein. Bereits im Februar kommt RTL zu Dreharbeiten auf den Hof, damit ihre Fans erfahren, wie es weitergeht.

 

 

 

 

 

 

 

Liebe im Hühnerstall: Benny und Nadine haben sehr viel Spass miteinander.

Die vermeintliche Ossinger Hexe kehrte zurück

Andelfinger Zeitung, 14. Februar 2017

Im Jahr 1574 wurde in Zürich die Ossinger Witwe Ursula Tachsenhauserin auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr wurde nicht nur vorgeworfen, mit Hilfe des Bösen Leute und Vieh erlahmt und umgebracht zu haben, sondern auch, dass sie Gott versagt hat und mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen hat.                                  Es waren aber nicht die Grausamkeiten, die der vermeintlichen Ossinger Hexe angetan wurden, die die rund 100 Besucher faszinierten und in den Bann zogen. "Es macht mich wütend, wenn ich höre, was dieser Frau alles angelastet wurde", sagte eine Frau in der ersten Reihe. Der Forster Hans hat damals beispielsweise ausgesagt, dass sie eine Kuh derart geschlagen haben soll, dass sie erlahmt ist. Die Tachsenhauserin wurde immer wieder dafür verantwortlich gemacht, wenn Menschen oder Tiere im Dorf zu Schaden kamen.                                                                                         Geschichte mit offenen Fragen                                                                                                                                                           Der frühere Historiker Kurt Spiess aus Winterthur hat die Geschichte in Ossingen erzählt, wobei der 400 Jahre alte Herminenkeller dafür das passende Ambiente bot. Der Geschichteerzähler brauchte kein Bühnenbild und keine Requisiten. Er kam elegant gekleidet mit weissem Hemd und Gehrock. Obwohl Spiess die Geschichte sorgsam aufgearbeitet hat, blieben einige Fragen offen. "Was hätte ich wohl in jener Zeit gemacht, wenn ich Landvogt gewesen wäre und die Leute mir solche Sachen erzählt hätten", fragte Spiess. Zudem in einer Zeit von Armut und Hunger, wo der Teufel Realität und vieles unheimlich und unerklärlich war. Vom 15. bis 18. Jahrhundert gab es in der Schweiz bis zu 10´000 Hexenprozesse. Wenn eine Beschuldigte ihre Unschuld beharrte, wurde sie gepeinigt, und gefoltert bis sie gestanden hatte. Die Tachsenhauserin hat ihre Schuld allerdings ohne Peinigung zugegeben. "Aus grossem Neid, Feindschaft und Hass habe sie Menschen und Vieh im Auftrag des Teufels geschädigt", so die Angeklagte, die jedoch um Gnade bat, da sie sich mittlerweile vom Teufel abgewandt habe. "Wieso das Geständnis", fragte Kurt Spiess. Hatte die eingeschüchterte alte Frau Angst vor der Folter oder hat sie einfach nicht mehr "mögen" und war froh, wenn alles schnell vorbei war? Hat sie resigniert und nicht daran geglaubt, jemals wieder ins Dorf zurückkehren zu können, wo ihr die Menschen nur Verachtung und Misstrauen entgegenbrachten? "Vielleicht war es auch ein Pfarrer, der ihr erklärte, dass ihre Sünden mit dem Tod nicht erlassen sind und sie in der Hölle dafür büssen müsse. Auf dem Weg zur Vollstreckung des Urteils in Zürich sass die Tachsenhauserin ganz still im Armensünderzug und liess das Schicksal über sich ergehen. "Gibt es eine Schuld, die bleibt, haben die nachfolgenden Generationen von Ossingen oder der Zürcher Regierung noch Verantwortung zu tragen? "Vor 450 Jahren ist die Frau aus dem Dorf gejagt worden und heute ist sie wieder zurück gekehrt, damit schliesst sich der Kreis", war das Fazit von Kurt Spiess zum Schluss seiner einstündigen Geschichte, mit der er die Ossinger Zuhörer ganz besonders berührte. 

 

 

Der Winterthurer Historiker Kurt Spiess zog die Besucher im vollbesetzten Ossinger Herminenkeller in seinen Bann, als er von der Hexe Ursula Tachsenhauserin erzählte. Der Geschichtenerzähler überzeugte auch immer wieder durch seine eindrucksvolle Mimik.

Und immer wieder geht die Sonne auf

Bülacher Wochenspiegel, 9. März 2016

Am letzten Donnerstag eröffneten in Lottstetten die neuen Geschäftsräume der Bäckerei Jünger, aus der das Backcafé geworden ist. Die große Besucherzahl am Tag der offenen Tür spiegelte die Sympathien der Familie Jünger in der Gemeinde. Die Neueröffnung war für die Grossfamilie ein emotionaler Tag. Zu viel ist geschehen in den letzten drei Jahren. Am 19. April 2013 ist das rund 350 Jahre alte Gebäude mit der Bäckerei und dem Gasthaus "Linde" abgebrannt. Die Brandursache ist bis heute nicht geklärt. Heinz und Margret Jünger, die seit den 1960-er Jahren die Bäckerei führten, mussten sich eine neue Wohnung suchen. Ebenso Sohn Peter, der ebenfalls im abgebrannten Haus wohnte. Ein weiterer Schickschalschlag war der Tod von Margret Jünger im November desselben Jahres. Die Familie wusste nicht, wie es weitergehen sollte. "Wir sind heute noch traumatisiert", sagt Nadine Lörfing. "Die Familie war auf einmal nicht mehr da", sagt ihr Lebensgefährte Daniel Jünger, der das Leben in der Grossfamilie von Kindheit an gewohnt war. Das junge Paar ist froh, dass ihr heute vierjährige Sohn Fiete damals noch nicht viel mitbekommen hat. Karin Lörfing, die Grossmutter des kleinen Fiete, ist vom Münsterland nach Lottstetten gezogen, um der jungen Familie zu helfen.

Es musste weitergehen

Der Bäckereibetrieb lief weiter. Gebacken wurde in der Zweigstelle in Jestetten und die Lottstetter Kunden im Obsthof Henes mit Backwaren versorgt, bis in der Engelscheune neue Räumlichkeiten gefunden wurden. Peter Jünger, der in der Schweiz als Bäcker arbeitete, kam wieder zurück in den elterlichen Betrieb, den der Bäckermeister und Betriebswirt Daniel Jünger im Jahr 2014 offiziell übernommen hat. Nadine Lörfing ist für den Verkauf und die Büroarbeiten zuständig. Durch die grosse Hilfsbereitschaft im Dorf bekam die Familie Jünger wieder Mut, die Bäckerei neu aufzubauen. Dort, wo sie seit Generationen hingehört, in die Dorfmitte neben Kirche und Rathaus. Das Gebäude mit Bäckerei, Verkaufsraum, Tagescafé und fünf Wohnungen wurde in einer Bauzeit von eineinhalb Jahren realisiert. Für den gesundheitlich angeschlagenen Seniorchef Heinz Jünger gab es im Eingangsbereich des Tagescafés einen Ehrenplatz, damit er die Kundschaft auch künftig empfangen kann. Das neue Tagescafe soll zum zentralen Treffpunkt in der Ortsmitte werden. Es wurde bewusst ein Mehrgenerationenhaus gebaut, damit die Familie wieder zusammen kommt, denn Geschäft und Familie war bei Jüngers seit jeher schon eins. "Wir backen nach alter Tradition mit modernster Technik", sagt Daniel Jünger. Das Sonntagsbacken ist für die junge Familie zurzeit aber kein Thema. "Am siebten Tag sollst Du ruhen, stand schon in der Bibel", betont Daniel Jünger.

Die Lottstetter Linde gibt´s nicht mehr

Die Grundfläche der Wirtschaft "Linde" wurde in die Bäckerei integriert. Der ehemalige Lindenwirt Martin Schwarz bedauert, dass es im Neubau keine Wirtschaft mehr gibt. Gerne wäre er wieder nach Lottstetten zurückgekehrt. "Den typischen Charme der Linde mit den knarrenden Böden kann man nicht neu aufbauen", sagt Nadine Lörfing. Martin und Claudia Schwarz, die in Lottstetten acht Jahre lang die "Dorfbeiz" Linde geführt hatten, haben vor über einem Jahr das ehemaligen Tennis-Stüble in Jestetten übernommen. Claudia Schwarz vergisst den 19. April 2013 nicht mehr, als sie mit ihrem Mann bei ihren Eltern in Büsum im Urlaub war und  frühmorgens um sechs die Nachbarin aus Lottstetten auf den Anrufbeantworter sprach: "Es ist etwas schlimmes passiert, die Linde brennt". "Die Bäckerei Jünger war mitsamt der Linde abgebrannt, das Inventar war kaputt und wir standen vor dem geschäftlichen Nichts", erinnert sich Claudia Schwarz. Die einzige Einnahmequelle war von heute auf morgen der 400 Euro Nebenjob der Ehefrau, die der Zweigstelle der Bäckerei  arbeitete. "Wie geht es weiter", stand immer im Focus der Wirtsleute. Martin Schwarz mietet sich in der Engelscheune mit dem rückläufigen Partyservice ein, mit dem er bisher etwa 30 Prozent des Gesamtumsatzes generierte. Claudia Schwarz wurde von der Bäckerei Jünger als Vollzeitkraft übernommen, obwohl die Bäckerei keine Personalnot hatte. "Dafür sind wir heute noch dankbar", betont Martin Schwarz. Dann kam die Jestetter Bürgermeisterin Ira Sattler mit dem Angebot, die Mensa in der Schule an der Rheinschleife zu übernehmen. Das entsprach allerdings auch nur einem 400 Euro Job. Seit November 2014 haben Martin und Claudia Schwarz wieder ihre eigene Wirtschaft.  Das ehemalige Tennis-Stüble wurde allerdings in "Linde" umbenannt. "Der letzte Vorbesitzer nannte das Lokal "Burn Out". "Das wäre nicht passend zu dem gewesen, was wir in den letzten Jahren erlebt haben", findet Claudia Schwarz.

 

Das Ende einer Odyssee
Fast drei Jahre nach dem Brand der Lottstetter Bäckerei Jünger konnte das neue Produktions- und Betriebsgebäude mit Backcafé eröffnet werden. Stehend von links: Architekt Peter Schanz, Nadine Lörfing mit Daniel Jünger und Söhnchen Fiete, Christine und Peter Jünger, Karin Lörfing. Vorn der Seniorchef Heinz Jünger.

Edmund Henninger - Der Jestetter Krippenbauer

Südkurier, 12. Januar 2015

Die Jestetter Krippe gilt als eine der schönsten und größten in der Region und als Geheimtipp bei den Krippenliebhabern. "Die Besucher gehen sehr ehrfurchtsvoll mit der Krippe um, es wurde noch nie etwas beschädigt oder umgestellt", sagt Edmund Henninger, der seit über zehn Jahren für die Jestetter Krippe verantwortlich ist. Die liturgische Weihnachtszeit dauert im Kirchenjahr bis zum Fest der Taufe Jesu am Sonntag nach dem 6. Januar. Danach wird an den meisten Orten der Weihnachtsschmuck entfernt. Die Jestetter Krippe in der katholischen Pfarrkirche "Sankt Benedikt" bleibt jedoch noch bis zum 20. Januar stehen. Edmund Henninger war es, der vor fünf Jahren die neue Jestetter Krippe aufbaute. Als der damals neue Pfarrer Richard Dressel den Wunsch äußerte, die Krippe aus Platzgründen aus dem Altarraum zu entfernen, hatte Henninger die Idee, eine viel größere Krippe am seitlichen Kircheneingang aufzubauen. "Die Krippenfiguren waren für die alte kleine Krippe viel zu groß" erinnert sich Henninger. Über dem Heizungsschacht baute er ein vier auf vier Meter großes zusammensteckbares Podest, auf das er die Krippenlandschaft stellte. Im Wald suchte er einen Anhänger voll Eichenwurzeln und zwanzig Eimer Steine und baute zu der alten Krippe verschiedenen Grotten, zwei wassergefüllten Seen und einen vier Meter langen Wasserlauf. Dazu wurde eine Herde Schafe gekauft. "Jedes Jahr suche ich 15 Bananenschachteln frisches Moos", sagt Henninger, wobei bei ihm wehmütige Erinnerungen an seine vor zwei Jahren verstorbene Frau Juliane aufkommen. "Sie war immer dabei und hat mich unterstützt", sagt Henninger. Die Weihnachtszeit hatte eine tiefe Bedeutung in der Familie Henninger. "Es wurde viel gesungen und die eigene Krippe, die ich vor über 50 Jahre aus Baumwurzeln gemacht habe, stand immer im Mittelpunkt", erinnert sich der 77- Jährige. Auch heute, wo Henninger alleine lebt, baut er seine Krippe alljährlich zum ersten Advent wieder auf. Genau wie die Krippe in der Pfarrkirche. Die Krippe wird in jedem Jahr anders und ist einem genauen Ablauf unterstellt. Henninger geht alle paar Tage in die Kirche, um die Figuren zu verstellen. Bis acht Tage vor Weihnachten stellt die Krippe eine einfache Landschaft mit einem Stall im Zentrum dar. Dann werden Maria und Josef auf den Weg geschickt. Zur Christmette kommen sie zusammen mit dem Jesuskind in den Stall, der ab dem Heiligen Abend beleuchtet und angestrahlt wird. Auch der Erzengel Michael wird am Heiligen Abend auf das Stalldach gesetzt. Ab dem 30. Dezember folgen die Heiligen drei Könige dem leuchtenden Weihnachtsstern, bis sie am 6. Januar den Stall zu Bethlehem erreichen. Am 20. Januar baut Henninger die Krippe ab und verstaut sie im Kirchturm. Im Anschluss lädt Henninger seine Helfer, die beim Auf- und Abbau geholfen haben, zu einem gemütlichen Hock zu sich nach Hause ein. Bis dahin besteht noch die Möglichkeit, die Jestetter Krippe mit all ihren Figuren in ihrer vollen Schönheit zu bewundern. Die Jestetter Kirche ist jeden Tag tagsüber geöffnet.

Edmund Henningers Krippe in der Jestetter Pfarrkirche "Sankt Benedikt" zählt zu den grössten und schönsten Krippen in der Region. Seit die Heiligen drei Könige den Stall zu Bethlehem erreicht haben, präsentiert sie sich in voller Pracht. Die Jestetter Krippe kann noch bis zum 20. Januar besichtigt werden.

Die Rennbahn, ein Relikt aus der vergangenen Zeit

Schaffhauser Nachrichten, 7. Januar 2014

 

Jestetten hatte in den 30-er Jahren eine offene Rennbahn. Heute ist sie vergammelt.

 

Nur noch wenige erinnern sich an die Radrennbahn in der Au zwischen Jestetten und Neuhausen. Der 75- jährige Jestetter Radsportfan Edgar Maier hat recherchiert.

Nach der Gründung des Jestetter Radrennclubs "Staubwolke" bauten der radsportbegeisterte Walter Winkler und der Velomechaniker Ludwig Schönhammer im Jahr 1924 ein 200 Meter langes und fünf Meter breites Velodrom mit zwei drei Meter hohen Steilwandkurven. Der Löwenwirt Fritz Winkler stellte das Grundstück zur Verfügung und sorgte für die finanzielle Unterstützung. Jestetten war seit 1840 Zollausschlussgebiet und von der Schweiz frei zugänglich. Da in Jestetten weder die Infrastruktur stimmte, noch die Erfahrung fehlte, eine solche Bahn zu führen, wurde sie verpachtet. Der Winterthurer Velohändler Henry Hönes übernahm die Direktion und Vermarktung.  Volksfeststimmung im Velodrom                                                                                                Am 25. Mai 1925 wurde die Bahn mit einem Schweizer Staraufgebot eröffnet. Unter den 36 Starter war auch Ludwig Merlo, ein aus Neuhausen stammender Italiener, der durch die Heirat mit einer Jestetterin später zum Lokalmatador wurde. Jedes Rennen glich einem fröhlichen Volksfest mit Budenzauber. Im Innenraum sorgten das Preisgericht und der Jestetter Musikverein für die passende Unterhaltung. Oberhalb der Neuhauser Ostkurve stand die Festwirtschaft des Löwenwirts. Beim Kassenhäuschen war die Sanitätsstation, wo der ehrwürdige Doktor Lichtenberg die Sturzopfer versorgte. Zum Eröffnungsrennen kamen 1500 Besucher, die sich auf die zwei Sitztribünen und auf den Stehplätzen um das Beton Oval verteilten. Jestetten zählte zur damaligen Zeit gerade mal knapp 1500 Einwohner. Beim zweiten Anlass waren es bereits über 2000 Menschen, die den "Jestetter Zement" besuchten. "In hellen Scharen kam das Publikum von Schaffhausen gewandert, um die Matadore von Strasse und Bahn zu sehen", schrieb damals die deutsche Lokalzeitung "Alb Bote". Mit dem Zürcher Zug kamen sogar Stammgäste der Oerlikoner Rennbahn. Für das Palmsonntagrennen hat die SBB 1928 aus Schaffhausen und Zürich Extrazüge eingesetzt. Internationale Fahrer wie der Österreicher Max Bulla, der die erste Tour de Suisse gewonnen hatte, oder Heiri Sutter, der Schweizer Steher und Strassenmeister, fuhren in Jestetten um den Sieg. In Deutschland kam der Regierungsumsturz und das Zollausschlussgebietes wurde aufgehoben. Neben der offenen Rennbahn in Oerlikon kam auch noch eine neue Rennbahn in Singen dazu. Am 16. September 1934 fand das letzte Rennen statt und der unwirtschaftlich gewordenen Rennbetrieb wurde eingestellt.                                                                                                                          Bauherren mussten büssen                                                                                                        Die beiden Jestetter Erbauer konnten die triumphale Sportstätte aus wirtschaftlichen Gründen selbst nicht mehr nutzen und mussten für die schwere Last, die sie sich kurz nach der Inflation aufbürdeten, schwer bezahlen. Kurz nach dem die Bahn in Betrieb ging, musste Ludwig Schönhammer sein 1921 errichtete Wohnhaus mit Fahrradwerkstatt verkaufen und hat sich ins Schwabenland verzogen. Walter Winkler wanderte nach Argentinien aus. Das Gasthaus Löwen wurde verkauft, Fritz Winkler zog nach Dettighofen. Tochter Frida erbte die Rennbahn, die noch von Hobbyfahrern benutzt wurde, bis der Hundeverein 1966 eine Treppe in die Ostkurve betonierte. Das Areal wurde 1999 an die Gemeinde Jestetten verkauft. Im Jahr 2009 legte Rita Metzger, eine Grossnichte von Merlo, mit den Kindergartenkindern und der Unterstützung des Gemeinde die Bahn wieder frei. Die ehemalige Kindergartenleiterin ist mittlerweile verzogen und die Bahn wuchert wieder zu. "Diese großartige Jestetter Kulturstätte sollte es doch Wert sein, dass man sie im Gedenken an die beiden mutigen Bürger für die Nachwelt erhält", betonte Edgar Maier.

 

Auf der Jestetter Rennbahn herrschte munteres Treiben. Bei der Startaufstellung bei einem der ersten Rennen ist links aussen der Neuhauser Ludwig Merlo zu erkennen, der später zum Lokalmatador wurde.

Teil der Lottstetter Geschichte abgebrannt

Südkurier, 20. April 2013

 

Bäckerei Jünger und Gasthaus Linde wurden Raub der Flammen

 

Am Freitagmorgen brannten im Lottstetter Ortskern, unmittelbar neben Rathaus und Kirche das Eckhaus mit der Bäckerei Jünger und dem Dorfgasthaus Linde ab. „Das Feuer brach in der Linde aus“, so der Einsatzleiter, Lottstettens Kommandant Thomas Kromer. Als das Feuer in der Nacht nach halb drei Uhr ausbrach, schliefen im Oberstock der Bäckerei der Bäcker Peter Jünger, seine Mutter und eine Hilfskraft.  Der 75 – jährige, gehbehinderte Seniorchef war zum Glück an diesem Tage bei zu einem stationären Aufenthalt im Krankenhaus. „Der Heinz wäre vermutlich nicht mehr rausgekommen“, meinte ein Passant. Sein Sohn Peter hörte in der Nacht ein Knallen im Haus. „Zuerst dachte ich, dass in der Bäckerei eine Rollbox umgefallen sei“. Kurz darauf gab es einen zweiten Knall und Peter Jünger bemerkte das Feuer. Er konnte die schlafenden Personen rechtzeitig in Sicherheit bringen. „Ich habe auch jemanden gesehen, der zu dieser Zeit auf der Straße gerannt ist“, hat Peter Jünger auch der Polizei mitgeteilt. „Uns ist diese Aussage bekannt, wir gehen natürlich jeder Spur nach“, so Paul Wißler, Pressesprecher der Polizeidirektion Waldshut Tiengen. Zur  Brandursache konnte Wissler keine Angeben machen. Das Gasthaus Linde ist ebenfalls voll ausgebrannt. Neben dem Gasthaus Engel ist die Linde die älteste Wirtschaft im Dorf. Sie besteht seit der Zeit, als die Lottstetter Kirche gebaut wurde, etwa um 1870. Im 19. Jahrhundert war die Wirtschaft einer Landwirtschaft angegliedert, später kam noch eine Bäckerei dazu. Das zusammengebaute Gebäude ist im Besitz der Familie Jünger. Vor ein paar Jahren hat die Familie Jünger das auf der anderen Seite der Linde angebaute Wohnhaus umgebaut. Dabei wurde auch eine Brandschutzwand eingebaut. „Wäre diese Brandschutzwand nicht gewesen, wäre es zum Inferno gekommen“, so Lottstettens Vizekommandant Bertrand Lorenz. „Es war ein einfacher Einsatz, weil wir alles richtig gemacht haben“, lobte  Kommandant Thomas Kromer seine Kameraden. Die Gastwirtschaft, die von Martin und Claudia Schwarz seit 2005 geführt wird, hat seit Montag Urlaub und es befanden sich keine Personen im Haus. Die Pächter des Gasthauses befinden sich an der Ostsee in der Heimat der Frau im Urlaub. Martin Schwarz wurde noch am Freitagmittag mit dem Flugzeug in Kloten erwartet. „Die Polizei beschlagnahmte die Gaststätte zur Spurensicherung“, so Kromer. Bürgermeister Jürgen Link ordnete die Sicherung der Brandruine an. Die Feuerwehr Lottstetten beorderte von 18 bis 6 Uhr vier Mann  zur nächtlichen Brandwache. Den drei verletzten Feuerwehrleuten geht es mittlerweile wieder gut und sie sind bereits wieder im Einsatz.

Einsatzleiter Thomas Kromer (rechts) zeiget dem Lottstetter Vizekommandanten Bertrand Lorenz, was wohl alles abgebrannt wäre, wenn beim angrenzenden Neubau keine Brandschutzwand gewesen wäre.

Jestetter Spielwarengeschäft Tröndle schliesst

Schaffhauser Nachrichten, 28. März 2012

Wenn sich zwei streiten freut sich der Dritte. Dass dies jedoch nicht immer so ist, zeigt das Beispiel des Spielwarengeschäfts Tröndle in Jestetten. Es gab Ärger zwischen Pächter und Eigentümer. Das Geschäftschliesst zum 31. März.                                                                                                                                       Lediglich der Paketdienst wird ab dem 1. April im Allmendweg 1, im Jestetter Gewerbegebiet, noch weitergeführt. „Der Eigentümer Armin Tröndle soll dieses Geschäft nicht bekommen“, schimpft der Pächter Rainer Füller,der mit dem Besitzer  seit längerem nicht mehr kann. „Wenn er das Geschäft unter meinem Namen weiter betreibt, gehe ich gerichtlich gegen ihn vor“, wettert Armin Tröndle. Der Schreibwarenhändler mit dem prädestinierten Namen Füllerübernahm 1992 das Schreib- und Spielwarengeschäft Tröndle, das sich durch die Grenznähe in einer goldenen Lage befand. Doch seither hat sichvieles gewandelt. Bis vor sechs Jahren waren die „Märklin“ Modelleisenbahnen ein gewichtiges Standbein im Geschäft. Über 90 Prozent der  Kunden kamen aus derSchweiz. Doch diese wurden immer älter und der Nachwuchs blieb aus. Viele Eisenbahnliebhaberliessen sich wohl beraten, kauften die Produkte jedoch im Versandhandel. Der Ertrag blieb aus. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht habe ich diese Abteilung zwei Jahre zu spät aufgegeben“, weiss Füller heute. Durch die Euroumstellung kam es schon 2002 zu Umsatzeinbussen, da sich das Preisverhältnis in den Köpfen der Schweizer Kunden gewandelt hat.Füller erweiterte sein Geschäft um einen Paketdienst, um Kunden zu halten und neue zu gewinnen. Ab 2007 kam massiver Ärger mit dem Vermieter hinzu. Als Füller das Geschäft von Paula Tröndle übernommen hatte, wurde ein 15- Jahresvertrag abgeschlossen. In der Zwischenzeit wurde das Geschäft an den Sohn Armin Tröndle übergeben. Nach Vertragsablauf, kam kein neuer mehr zustande.“ Ein vernünftiges Weiterarbeiten war fortan nicht mehr möglich - wir fühlten uns im Regen stehen gelassen“, so ein verbitterter Rainer Füller. Anfang 2011 benötigte der Eigentümer, der im Ladengebäude eine Lotto Annahmestelle betreibt, mehr Platz und wollte auf Grund von Sanierungsarbeiten die Miete erhöhen. „Die erste Mieterhöhung in den 20 Jahren“, betont Armin Tröndle. Das Ultimatum wurde gestellt.Rainer Füller ging nicht darauf ein, die Kündigung nach den gesetzlichen Bestimmungen folgte. „Die langjährigen Schweizer Kunden haben die Regale, ohne Rabatt auszuhandeln, aus Solidarität leergekauft, dafür bin ich ihnen ewig dankbar“, sagt  Füller wehmütig.Armin Tröndle will im ehemaligen Spielwarengeschäft zu der Lotto Annahmestelle ebenfalls denPaketdienst, dener seit einem Jahr in seinen Privaträumen betreibt, einrichten. „Ein weiterer Teil der Geschäftsräume soll vermietet werden“, so Armin Tröndle. Sein GrossvaterFerdinand Tröndle gründete das Schreibwarengeschäftin den 20- er Jahren  an der Schaffhauser Strasse 19, wo sich heute eine Massagepraxis befindet. Etwas später kamen ein Fotoladen  und ein Spielwarengeschäft dazu. 1953 wurde in der Schaffhauser Strasse 13 ein neues Geschäftshaus gebaut, das später der Sohn Erich mit seiner Frau Paula  führte.  Durch die Spezialisierung auf „Märklin“ Modelleisenbahnen bekam der Name Tröndle auch in der Schweiz einen  Namen. „Das Jestetter Gewerbe florierte in den 60- er Jahren derart, dass verschiedene Gewerbebetriebe im Jahr 1968 eine Ortsumfahrung ablehnten, da sie dadurch Umsatzeinbussen befürchteten“, weiss der Jestetter Pensionär Edgar Maier. Nach der Trennung von Paula und Erich Tröndle ging das Geschäft auf Paula Tröndle über, die das Geschäft bis zur Vermietung führte. Die Lottoannahmestelle, die heute ihreTochter Ursula Kaghazkananyund Sohn Armin betreuen, führte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1995. „Ich holte meine Schiefertafel und die Griffel schon beim Tröndle“, weiss Edgar Maier (74) heute noch. Er bedauert, dass in Jestetten die kleinen„Tante Emma“ Läden, bei denen man noch persönlich beraten wird, verschwinden.

Hier gingen Kinderwünsche in Erfüllung. DasJestetter Schreib- und Spielwarengeschäft Tröndle, das grösstenteils von Schweizer Kundschaft lebte, schliesst zum 1. April. Lediglich der Paketservice zieht ins Gewerbegebiet in den Allmendweg 1.

Auf dem Speicher steht ein Sarg

12. August 2011, veröffentlicht in den Schaffhauser Nachrichten

 

Auf dem Speicher der Lottstetter Valentinskirche steht ein Pestsarg, der ein Überbleibsel der Pestepidemien ist, welche die deutsche Nachbargemeinde im 17. Jahrhundert heimgesucht haben. Der
Kirchengemeinderat ist sich unschlüssig, was man damit machen soll. 
                                                                                                                   Das ungewöhnliche Relikt hat neben einer Deckelklappe auch zwei Klappen an seiner Unterseite. Indem man den Leichnam durch diese Bodenklappen ins Grab fallen ließ, konnte man den Sarg  weiter verwenden.  Während solchen Epidemien
herrschte  ein regelrechter Sargmangel. Der Lottstetter Pestsarg ist allerdings reparaturbedürftig. Die Beschläge sind verrostet, teilweise abgebrochen und fehlen. Kurioserweise hat der Fichtensarg keine Holzwürmer, obwohl der ganze Dachstuhl der Kirche vor der Renovation im Jahr 2003 vom Wurm befallen war. Den Sarg ließen die Würmer vielleicht vor Ehrfurcht in Ruhe. 500 Lottstetter Bürger sind durch diesen Sarg „gegangen“. Das Denkmalschutzamt kann nicht verstehen, dass dieses geschichtsträchtige Relikt vor sich her gammelt. Was soll man machen? „Wenn man ihn restauriert, dann kostet es Geld. Wenn man nichts macht, zerfällt er noch vollständig“, heißt es im Pfarrgemeinderat. „Da es sich bei einem Pestsarg nicht um ein prunkvolles Möbelstück handelt, werden die nötigen Maßnahmen sicherlich im Rahmen bleiben“, so Peter im Obersteg, Sachverständiger vom Schaffhauser Museum Allerheiligen.  Der Lottstetter Messner Helmut Buchter hat sich der Sache angenommen. „Das Schaffhauser Museum Allerheiligen wollte den Sarg schon einmal restaurieren, allerdings nur, wenn sie ihn hätten behalten können“, so Buchter. Im Obersteg kann sich das allerdings nicht vorstellen. „Das Schweizer Museum besitzt schon seit einer Schenkung von 1922 den Pestsarg aus Merishausen“.  Dieser ist aktuell in der Ausstellung „Schaffhausen im Fluss“ zu sehen. Für die Lottstetter Kirchengemeinde bedeutet der Pestsarg ein großes Stück Kulturgeschichte. Die einfache „Holzkiste“ ist vermutlich 382 Jahre alt. Im Jahr 1629 starben in Lottstetten 120 Einwohner an der Pest. Drei Jahre später wurde die Kirche und das Dorf von schwedischen Söldnern unter französischer Flagge eingenommen und niedergebrannt. Dabei kamen  200 Einwohner zu Tode. 90 Leichen wurden im Massengrab bei der Kirche beigesetzt. Die anderen im Wald oder auf dem Feld, wo sie gefallen waren. Durch Armut und Hungersnot kam 1635 die zweite Welle der Pest und raffte weitere 400 Einwohner dahin. Das war die halbe Gemeinde. Nach dem notdürftigen Wiederaufbau der Valentinskirche, die im Pestjahr 1635 fertig gestellt wurde, wurde auf dem rechten Seitenaltar ein großes Bild des Heiligen Sebastian angebracht. Er gilt als Schutzheiliger gegen die Pest und soll heute noch an die vielen Schicksale in Lottstetten erinnern. Genau wie der Pestsarg, der auf der „Schütti“ der Kirche langsam zerfällt.

Auf dem Dachboden der Lottstetter Valentinskirche liegt ein Pestsarg aus dem 17. Jahrhundert, der restaurierungsbedürftig ist. Messner Helmut Buchter (rechts) und Pfarrer Josef Moser haben sich der Sache angenommen.
Auf dem rechten Seitenaltar der Lottstetter Valentinskirche ist ein Bildnis des Heiligen Sebastian zu sehen. Er gilt als Schutzheiliger gegen die Pest und soll an die vielen Schicksale in Lottstetten erinnern.

Mit der Seilfähre zum Geburtstag

23. Juli 2005, veröffentlicht in Südkurier und Alb Bote

 

Die Rheinfähre Lottstetten - Ellikon feiert am kommenden Sonntag, im Rahmen eines dreitägigen Rheinfestes, den 100. Geburtstag. Der Festbetrieb beginnt ab 10 Uhr bei der Anlegestelle in Ellikon. Es findet ein Fährewettbewerb und eine Pontoniervorführung statt. Der Musikverein Lottstetten gibt ein Konzert. Genau wie damals, vor 100 Jahren. Auch dort spielte der Musikverein Lottstetten den Einweihungsmarsch. Es sollen damals schon 1000 Festgäste anwesend gewesen sein.

Während Generationen wurden Reisende mit Weidlingen vom schweizer Dorf Ellikon zum gegenüberliegenden deutschen Rheinufer auf Lottstetter Gemarkung gefahren. Der Wirt vom Gasthaus "Schiff" war meist der Fährmann. Nachdem dieses Übersetzen ohne Drahtseil als zu gefährlich angesehen wurde, entschied man sich, eine Drahtseilfähre anzuschaffen. So richtete die Gemeinde Ellikon im Januar 1903 ein Gesuch an den Regierungsrat des Kanton Zürich, er möge die technischen Vorarbeiten in Angriff nehmen. Mit der Inbetriebnahme der Seilfähre im Jahr 1905 war nun wieder der Warenverkehr mit Lottstetten und dem Rafzerfeld gewährleistet. Die Pflege der Kameradschaft mit den Menschen "ennet" dem Rhein war auf einfacherem Wege nun auch möglich.  Auch die noch junge Bahnlinie Zürich - Bülach - Schaffhausen, die 1896 eröffnet wurde, hatte positive Auswirkung auf die Seilfähre. Stand einem Elliker eine Bahnfahrt bevor, benutzte er erst die Fähre und marschierte anschliessend auf den Bahnhof Lottstetten, vermutlich ging er dann noch im  "Kranz" in Nack vorbei. Heute transportieren die Fährleute Rös und Hans Zürcher meist Wanderer, Radfahrer und Schulklassen. Die Gesamtausgaben für die erste Fähranlage beliefen sich auf 2970 Schweizer Franken. Die Fährordnung vom Juni 1905, erlassen von der kantonalen Baudirektion, verlangte vom Fährmann, dass er während den Monaten April bis September zwischen morgens 5 Uhr bis abends 9 Uhr jederzeit zur Überfahrt bereit sein soll. Vom Oktober bis März galt ein reduzierter Fahrplan. Für eine einfache Fahrt durfte er 10 Rappen oder 8 Pfennig verlangen. Heute kostet die Fahrt zwei Franken. Bei Kriegsausbruch im Jahre 1939 musste der Fährbetrieb eingestellt werden. Erst im Sommer 1946 wurde der Fährbetrieb wieder bewilligt. Es wurde auch ein neues Schiff, die "Martella", angeschafft, da das alte während der Stillegung arg gelitten hatte und unbrauchbar wurde. Seither verkehrt die Fähre wieder zwischen beiden Ufern. Ende 1979 wurde die "Rüedifaar", das heute noch in Betrieb stehende Fährboot, zu Wasser gelassen. Die Funktionsweise der Drahtseilfähre ist recht einfach. Das Boot ist durch Seil und Rolle mit dem, über den Rhein gespannten Drahtseil verbunden. Durch Schrägstellen des Bootes gelangt es, nur von der Strömung angetrieben und unter korrigierenden Ruderschlägen des Fährmanns, vom einem zum anderen Ufer.

Infokasten: Die Rheinfähre "Rüedifahr" verbindet die Schweizer Gemeinde Ellikon mit der "Uferwiese Giesse", auf Lottstetter Gemarkung. Die Fähre kann zwanzig Personen aufnehmen und wird von Rös und Hans Zürcher gefahren. Eine Überfahrt kostet zwei Franken.

 

 

"Rüdifahr", die Fähre verbindet Lottstetten mit der Schweizer Nachbargemeinde Ellikon

Lauf einen Marathon, und Du läufst in ein neues Leben

07.04.2005 -  veröffentlicht im Südkurier und Alb Bote

 

Am Sonntag, 3. April starteten der Lottstetter Thomas Güntert und Roland Schmid aus Altenburg zum Abenteuer Marathon. Um 8.30 Uhr standen die beiden bei herrlichem Frühsommerwetter am Start des Dritten Züricher Stadtmarathons. Dies genau wie weitere  7300 Laufverrückte aus 48 Ländern, die 42,195 Kilometer im Laufschritt bewältigen wollten. Bis es soweit war, war ein hartes Vorbereitungstraining von Nöten. Nach einem speziellen zehnwöchigen Intensivtrainingsplan spulte man zwischen 400 und 500 km herunter. Wöchentlich vier Trainingseinheiten bei den zum Teil winterlichen Verhältnissen der letzten drei Monaten. Kilometer für Kilometer bei klirrender Kälte, Tempoläufe, Intervalltraining und lange Läufe bis zu 30 Kilometer. Und dies teils in den dunklen Abendstunden und bei Schnee und Eis. Ein Sturz auf glatter Strasse brachte Thomas Güntert dazu noch eine längere Trainingspause ein. Nach all den Strapazen stand man dann am Sonntag am Start in Zürich. Für den 42-jährigen Thomas Güntert, war es sein vierter Marathon. Er betreibt das Laufen zum Ausgleich des Alltages und für die körperliche und geistige Fitness. Sein Ziel: seine persönliche Bestmarke von 3:43 Stunden zu unterbieten und etwas davon träumen, einmal unter 3:30 Stunden zu laufen. Für Roland Schmid war es sein erster Marathon, und dies mit 52 Jahren. Er wurde durch seinen zehn Jahre jüngeren Laufkameraden mit dem  Laufvirus infiziert. Sein Ziel: ankommen!  Dann ging es los auf die endlose Reise durch das  grosse Wechselbad der Gefühle: "Der Lauf in ein neues Leben", wie es die Lauflegende Emil Zatopek einmal beschrieben hatte, konnte beginnen. Zu Beginn führte die Strecke entlang der sehr ruhigen "Goldküste" des Zürichsees bis nach Meilen und wieder zurück nach Zürich. Zahlreiche Musikkapellen und unzählbar viele Zuschauer säumten die Strecke und erzeugten eine einmalige Atmosphäre. Ab Kilometer dreissig, man war wieder in der Zwinglistadt, setzt die Fettverbrennung des Läufers ein. Und meist kommt dann irgendwann der berühmte "Hammermann".  Die Strecke führte vorbei an den alten Gebäuden Zürichs, durch die berühmte Bahnhofstrasse. Unzählige Kehren durch die engen Gassen. Doch das alles interessierte den Läufer nicht mehr. Spätestens ab Kilometer fünfunddreissig war es nur noch eine Schinderei. Die letzten Kilometer, ein einziger Steigerungslauf bis ins Ziel, ziehten sich dann ins Endlose. Dann war er endlich da, der gelbe Zielbogen und es kam ein unheimlich gutes Gefühl auf. All die Schinderei war auf einmal vergessen. Man hatte es geschafft! Für Thomas Güntert ging ein Traum in Erfüllung. Seine Laufzeit: 3 Stunden 29 Minuten und 47 Sekunden. Völlig erschöpft die ersten Worte von Thomas Güntert im Ziel:" du fragst Dich auf der Strecke so oft nach dem Warum, doch die Antwort bekommst Du erst im Ziel. Roland Schmid lief nach 4 Stunden 24 Minuten über die Ziellinie und war überglücklich über seinen ersten Marathon. "Ein unsagbares Gefühl, auf den letzten Metern hatte ich Tränen in den Augen", so sein  Kommentar nach dem Rennen. Einige Stunden später in geselliger Runde im heimischen Dorfkrug  war man sich dann wieder einig: im nächsten Jahr  starten die beiden in Mainz beim Gutenbergmarathon und es breitet sich schon ein bischen Vorfreude aus. Und dies von  Stunde zu Stunde mehr.

Die erfolgreichen Teilnehmer von links: Thomas Güntert, Jens Thösen, Roland Schmid und Karsten Goergen.